Interview mit dem Moschee-Verein und dem AZ

IntWir sprachen mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der DITIB Moschee in Wuppertal-Elberfeld Selim Mercan unter anderem über den geplanten Neubau an der Gathe
Frage: Der Pro-NRW-Aufmarsch richtet sich ja gegen den Neubau der Moschee, der von Ihrem Verein geplant wird. Was genau planen Sie?!
Selim Mercan: Der Neubau ist noch weit entfernt. Wir sind gerade dabei, den Bedarf, den wir in der Gemeinde feststellen, in Ideen umzusetzen, um auf dieser Grundlage in die Planungen einsteigen zu können. Der Neubau wird, so Gott will, eines Tages kommen – aber da reden wir über einen Zeitraum von ca. fünf Jahren. Im Moment steckt alles noch in den Kinderschuhen….

Frage: Wie sieht es denn aus hinsichtlich des Bedarfs in der Gemeinde – und um welche Personengruppen handelt es sich?
S.M.: Zur Gemeindestruktur kann man Folgendes sagen: Bei uns sind von der Generation, die in den 1960er Jahren nach Deutschland gekommen ist, bis in die inzwischen dritte und vierte Generation alle Generationen vertreten. Und für all diese Altersgruppen müssen wir den Bedarf definieren und für die Zukunft planen.

Frage: Welche Nationalitäten besuchen Ihre Gemeinde – sind das alles Leute mit türkischen Hintergrund?!
S.M.: Der Großteil der Mitglieder sind türkischer Nationalität; aber uns besuchen auch kurdische oder arabische Menschen, Leute aus Afghanistan oder Pakistan etc…. die Türkei selbst ist auch ein Vielvölkerstaat, so dass wir durchaus mehrere ethnische Gruppen in der Gemeinde haben.

Frage: Wie ist das Verhältnis zu den anderen Religionsgemeinschaften in Wuppertal?
S.M.: Das Verhältnis ist sehr gut. In Wuppertal gibt es seit ca. zwanzig Jahren den runden Tisch, wo VertreterInnen mehrerer Religionen – jüdische, christliche und muslimische – zusammenarbeiten und gemeinsam Projekte realisieren. Hinsichtlich der Pro-NRW-Demonstration bekommen wir z.B. aktive Unterstützung auch aus der evangelischen Gemeinde.

Frage: Nun planen Sie ja nicht nur eine Moschee, sondern auch noch soziale Einrichtungen wie ein Seniorenheim oder einen Kindergarten. Was steckt dahinter, funktioniert das nicht so gut mit den „deutschen“ Einrichtungen?
S.M.: Unser Konzept basiert ja auf fünf Säulen (kulturelle Angebote, Religion – wozu die Moschee gehört – , Einzelhandel, Grünanlagen und Bildung). Im Bereich der Bildungsangebote kann ein Kindergarten auch ein Aspekt sein, aber da müssen wir mit der Stadt gemeinsam erst einmal den Bedarf zum Zeitpunkt der Realisierung analysieren. Wir wollen definitiv keine Konkurrenzsituation schaffen, sondern mit unseren Angeboten eine Ergänzung sein. Wir arbeiten eng zusammen mit Anadolu e.V. an der Markomannenstraße, die im Bereich Bildung sehr engagiert sind. Der Verein ist auch unser Kooperationspartner bei dem Projekt. Wir wollen auch mit anderen Vereinen und Institutionen wie z.B. der Alten Feuerwache eng zusammenarbeiten, damit alle Menschen im Viertel und in Wuppertal – egal welcher Religion und Herkunft – ein gutes Angebot finden, das sich ergänzt.

Frage: In der öffentlichen Debatte kam es ein wenig so rüber, als stünde nun alternativ zur Debatte, entweder Islamisches Zentrum oder Autonomes Zentrum, was ja auch in dem Straßenblock ist.

S.M.: Wir haben nicht die Absicht, irgendjemanden zu vertreiben. Wir haben auch schon mit Vertretern aus dem AZ über die künftige Zusammenarbeit und Nachbarschaft gesprochen. Diese konstruktiven Gespräche wollen wir in der Zukunft vertiefen und uns besser kennenlernen. Die Gegenveranstaltung am 27.10 wird hierzu ein guter Anlass sein.
Natürlich ist das Projekt und die dazugehörigen Planungen auf einen langen Zeitraum ausgelegt. Es soll Antworten auf die aktuellen Probleme geben und den Bedarf in den nächsten 30 bis 50 Jahren decken. Da kann es natürlich sein, dass es zum Konflikt kommt, weil der Flächenbedarf, den wir für das v.g. Ziel benötigen, mit den z.T. zur Verfügung stehenden Flächen nicht gedeckt werden kann. Da muss man dann gemeinsam und auch mit der Stadt gucken, wie man zu einer Lösung kommen kann.

Frage: Die DITIB gilt ja als die türkische Staatsmoschee. Nun ist der türkische Staat ja aufgrund verschiedener Konflikte in der Kritik, ob es nun um Kurdistan geht oder um den Völkermord an den Armeniern. Wie sehen Sie das Verhältnis?
S.M.: Die Türkei hat mit den Kurden oder mit anderen vielen ethnischen Gruppen keine Probleme. Seit Jahren lebt man in guter Nachbarschaft. Auch was den angeblichen „Völkermord an den Armenien“ angeht, scheiden sich die Geister. Wie Sie wissen, hat die Türkei zu diesem Thema einen anderen Standpunkt. Aber die Türkei ist nicht unser Thema. Wir leben in Deutschland… Wir sollten gemeinsam die hiesigen Probleme angehen!

Was den Zusammenhang zwischen der DITIB und dem türkischen Staat anbelangt: DITIB wird oft als „verlängerter Arm“ der Regierungspartei AKP dargestellt. Dazu ist generell zu sagen, dass die DITIB in Deutschland schon deutlich länger existiert als die AKP-Regierung, nämlich seit über 30 Jahren. Die Verbindung zwischen DITIB und türkischem Staat besteht lediglich darin, dass die Türkei die dort ausgebildeten Imame nach Deutschland versendet, damit diese sich um die religiösen Belange der hier lebenden türkischen Muslime kümmern können.

Vielen Dank für das Interview!

Interview mit dem Autonomen Zentrum (AZ)

Im Rahmen der Moscheebau-Debatte wird, wegen seiner Lage auf dem vermeintlichen Baugrund, immer wieder das Autonome Zentrum und sein Verbleib Teil der Diskussion. Aber auch sonst macht das Haus regelmäßig von sich reden.
Was aber ist das AZ und was passiert da?

Hallo. Könnt ihr erst mal erklären, was ein AZ überhaupt ist?
Andi: Das AZ ist ein selbstverwaltetes Zentrum. Das meint zunächst mal einen Raum in dem Menschen sich nach ihren Interessen organisieren können. So entstehen verschiedene Gruppen, die mal für kurz, mal über Jahre hinweg, nach ihren Ideen zusammenarbeiten. Was dort passiert, liegt ganz dabei, wodrauf die Leute Lust haben.
Zora: Daraus setzt sich dann das AZ als Ganzes zusammen. Manche Gruppen arbeiten politisch und aktionistisch, wie die „Karawane für Flüchtlinge und Migrant*innen“, andere bieten Vorträge und Informationen an, wieder andere organisieren die Kneipenabende, halten das Haus in Schuss oder machen einfach gemeinsam Sport.
Andi: In diesem großen, bunten, wechselnden Haufen ist der Wunsch nach Hierarchiefreiheit der gemeinsame Nenner. Daraus ergibt sich natürlich, dass hier Ausgrenzungen der Gesellschaft, wie Rassismus, Sexismus, Nationalismus und so weiter keinen Platz haben sollen. Manchmal prallen hier aber auch verschiedene Meinungen ganz schön aufeinander. Aber wir versuchen immer Konflikte gemeinsam und solidarisch zu lösen.

Machen wir es konkreter: In was für Gruppen seid ihr aktiv, und was macht ihr da?
Karsten: Ich bin in der VoKü/KüFa (Küche für alle), da geht es darum, mindestens einmal die Woche ein leckeres Essen gemeinsam zu kochen, was für alle ist. Auch heute ist es für viele Leute immer noch nicht möglich, von dem Geld, was sie haben, eine ausreichende, gesunde Ernährung zu ermöglichen. Eine gemeinsame Mahlzeit ist auch immer ein guter Platz, um Ideen zu spinnen oder sich auszutauschen.
Also haben wir uns zusammengetan, um jeden Mittwoch eine gute Mahlzeit zuzubereiten. Abends in der Kneipe wird dann gemeinsam gegessen – gegen Spende und alles vegan. Das ist auch Halal und Koscher!
Also, kommt vorbei, wenn ihr Hunger habt oder sogar Lust mitzukochen. Wir freuen uns!
Piet: Außerdem sorgt die Küfa bei unseren Aktionen oft für das leibliche Wohl, wie den berühmten Erpelschlot nach unserer jährlichen 1. Mai-Demo.

Wo du das ansprichst, worum geht’s beim autonomen 1.Mai? Chaos und Krawalle?
Emre: Ja klar, nur! Quatsch! Wir gehen nächstes Jahr zum 27. Mal, auf die Straße. Im Laufe der Jahre hatten wir etliche Schwerpunkte. Hartz 4, die unmenschliche Abschottung der EU-Außengrenzen, unsere Solidarität mit den freiheitlichen Kräften im Arabischen Frühling, etc. Und auch wenn es den Staatsbütteln nicht passt, werden wir nach wie vor die schlimmen Verhältnisse, regional und weltweit, anprangern und für radikale Veränderung und Verbesserung eintreten.

Zurück zu den Gruppen. Könnt ihr noch mehr vorstellen?
HeadsConnected: Wir, als DJ-/VJ-Kollektiv aus Wuppertal und Veranstalter u.a. der Blockschock!-Partys im AZ, treten für ein Konzept des gemeinsamen Feierns fernab der üblichen kommerziellen Club-Kultur ein. Wichtig ist uns, einen Raum zum Feiern zur Verfügung zu stellen, der für jede*n erschwinglich ist.
Ebenso liegt unser Augenmerk darauf, dabei eine Kultur des gegenseitigen Respekts und Rücksichtnahme zu pflegen.
Die dafür erforderliche politische Arbeit zur Bewahrung eines Stücks Subkultur ohne Kommerz ist im AZ möglich und wird von uns voran getrieben.
Apropos Subkultur, was ist mit Punk? Grade diese Subkultur ist ja mit selbstverwalteten Häusern verbunden.
Socke: Klar gibts Punk! Wir veranstalten Konzerte mit Bands auf die wir Bock haben! Die Bands kommen meistens aus dem Bereich Punk bis Metal.
Unsere Konzerte sind, wie das ganze AZ, selbstorganisiert und unkommerziell. Das heißt: Jede*r die*der arbeitet, sei es organisiert, hinter der Theke steht, abmischt, kocht, das Haus instand hält, oder putzt, tut dies aus eigener Motivation, ohne Bezahlung.
Tessa: Es ist aber nicht so, dass hier nur Punks auf der Bühne stehen. In den letzten 20 Jahren haben viele lokale Bands verschiedenster Musikrichtungen bei uns gespielt. Etliche Kapellen haben im AZ ihre ersten Erfahrungen auf einer Bühne mit professionellem Equipment gemacht.

20 Jahre? Wie lang gibts das AZ denn schon?
Piet: Doppelt so lange! 2013 können wir unseren 40. Geburtstag feiern! Das erste selbstverwaltete Haus stand 1973 in Langerfeld. Am jetzigen Standort sind wir seit 2000.Wenn ihr mehr wissen wollt, könnt ihr im Infoladen gucken.

Ihr habt mehrmals Unterdrückungsmechanismen erwähnt, und das euch der Schutz davor sehr wichtig ist. Aber als offenes Haus lässt sich doch nicht verhindern, dass Menschen mit z.B. sexistischen oder homophoben Vorstellungen hier reinkommen. Wie geht ihr mit diesem Widerspruch um?
Emre: Naja, der Spagat zwischen offener Tür und dem Wunsch nach einem Schutzraum ist immer konfliktträchtig. Wichtig ist, dass Unterdrückung und Hierarchien immer wieder thematisiert und offengelegt werden. Manchmal kriegen Leute ja gar nicht mit, dass sie sich grad scheiße benehmen, oder haben einfach noch nie über ihr Verhalten nachgedacht – wozu auch, in einer Welt, wo der*die Stärkste gewinnt.
Und es hat auch im AZ bereits schlimme, sexistische Übergriffe gegeben, da muss natürlich auch reagiert werden.

Könnt ihr ein Beispiel nennen, wie ihr reagiert?
Judith: Wir haben z.B. eine Rückzugsraumgruppe gegründet. Ein solcher Schutz- und Freiraum vor alltäglichen sexistischen, homophoben, transphoben oder anderen Angriffen auf das gute Leben ist unerlässlich.
Wir möchten einen solchen Raum möglich machen. Da das ein längerer Prozess ist und eine Menge Arbeit und Auseinandersetzung nötig ist, können wir nicht versprechen, dass das AZ dann ein Schutzraum vor Sexismus ist; nur, dass wir versuchen darauf hinzuarbeiten.
Mit uns, mit euch, am besten mit allen.

Und wie macht ihr das, außer am 1. Mai?
Piet: Wir haben in den letzten 2½ Jahren maßgeblich die Antifa-Arbeit in Wuppertal mitgetragen. Wenn wir nicht gerade notgedrungen Nazis bekämpfen, sind unsere politischen Schwerpunkte u.a. der Atomwiderstand, der Kampf gegen das europäische Grenzregime, die rassistische Asylpolitik in Deutschland und natürlich versuchen wir uns immer wieder in Stadtteil- und Erwerbslosenarbeit.
Einige von uns haben das Bündnis „BASTA – Gegen das Totsparen – für ein Recht auf Stadt“ mitgegründet. Bei der „4. Woche-Aktion“ kochen wir mit und für die Nachbar*innen in dem Stadtteil, in dem wir selber leben.
Wir demonstrieren gemeinsam mit anderen gegen Hartz-4-Armut. Immer wieder organisieren wir Begegnungen mit Zeitzeug*innen, Widerstandskämpfer*innen und Überlebenden der Shoah.

Letzte Frage: Wie steht ihr zu dem Moscheeneubau? Ihr seid ja direkt betroffen.
Andi: Auch wenn viele von uns mit Religion nicht viel am Hut haben, können wir uns gut eine liberal orientierte Moschee direkt neben dem AZ vorstellen. Aber wir lassen unser natürlich nicht von der DITB-Moschee einfach überplanen und dann vertreiben. Wir sind ein Autonomes Zentrum, man kann mit uns reden, aber nicht über unsere Köpfe entscheiden.
Tessa: Noch besser wäre es, wenn die Architekten der Moschee schon mal von der direkten Nachbarschaft des AZ mit der neuen Moschee ausgehen und sich mit den verschiedenen Möglichkeiten des Schallschutzes vertraut machen würden…
Piet: Klar ist natürlich auch, dass wir die geplante „Aufwertung“ des Viertels durch die Vertreibung des AZ nicht hinnehmen werden. Was wir wirklich brauchen ist eine spürbare Verbesserung unserer Lebensbedingungen in Wuppertal und anderswo, also z.B höhere Löhne, genug und bedingungsloses Grundeinkommen und ein gutes Gesundheitssystem für alle.
Emre: Worauf wir keinen Bock haben, sind autoritäre (Glaubens)gemeinschaften, die nach innen ihre Glaubensgenossen drangsalieren und die Anders- bzw. die Nichtgläubigen ihren Lebensstil und /oder ihren Glauben aufdrängen wollen. Und natürlich haben wir – und das ist vollkommen unabhängig von der Moschee – keine Lust auf Leute, die gegen Juden, Aleviten und KurdInnen, oder jetzt aktuell gegen Roma und andere Flüchtlinge hetzen.

Das komplette Interview kann unter www.az-wuppertal.de eingesehen werden.

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  1. Lisa Freuntlich sagt:

    Es ist schier unglaublich, dass unkritisiert, die offene Leugnung des Völkermordes an den Armeniern 1915/1916 (http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Armeniern) hingenommen wird.

    Die Zusammenarbeit zwischen dem AZ und den Völkermordleugnern wird sicher nicht drunter leiden.

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